Neujahrsvorsätze oder so was
Danke Claude das du da einen roten Pfaden eingebaut hast =)
Neujahrsvorsätze sind, von einer Meta-Ebene aus betrachtet, eigentlich nur ein Treppenwitz. Trotzdem steckt etwas zutiefst Menschliches darin, wie wir damit umgehen, dass wir uns verändern wollen. Es ist dieser paradoxe Moment, in dem wir gleichzeitig die Künstlichkeit des Datumswechsels erkennen und doch das Bedürfnis spüren, genau diesen Moment als Anlass zur Wandlung zu nehmen.
Bei mir hieß das eine Zeit lang, dass ich Fitnessstudio-Sponsor war, getrieben von dem klassischen Vorsatz, sich mehr zu bewegen, gesünder zu leben. Ich bin hingegangen, am Anfang zumindest, habe dann aber gemerkt, dass ich mich zwingen muss hinzugehen. Das ist beim Sport jetzt nichts Ungewöhnliches, aber jetzt, wo ich mich so verstehe wie ich bin, mit meinen eigenen Grenzen, ist das einfach ein Ort, an dem ich mich nicht wohl fühle. Diese Einsicht kam nicht über Nacht, sondern durch die ehrliche Auseinandersetzung mit der Frage, ob der Widerstand, den ich spürte, die produktive Art von Überwindung war oder einfach mein System, das mir signalisierte, dass dieser Weg nicht meiner ist. Der Vorsatz war gescheitert, aber nicht ich.
Ein anderer beliebter Vorsatz war: weniger Facebook nutzen. Mir ist das aufgefallen, als ich wieder mal gemerkt habe, dass ich mit dem Hass in den Kommentarspalten nicht umgehen kann. Also wollte ich es weniger nutzen, aber dann ist mir aufgefallen, wie automatisiert die Bewegung dahin geht, wenn man das Handy nur mal kurz in der Hand hat. Jetzt verstehe ich es als gute Quelle für Videos, Bilder oder Texte, aber wichtiger ist mir das Schreiben hier. Das ist auch ja der Klassiker, wenn man etwas verändern möchte: sich zu sagen, dass man es nicht mehr machen will, hilft nicht wirklich. Es braucht eine gleichwertige Maßnahme in der Situation, die man stattdessen nutzt und die hinten raus sogar noch gewinnbringender ist, das wäre von Vorteil. Nicht das Weglassen allein, sondern das Ersetzen durch etwas Erfüllenderes macht den Unterschied. Der Vorsatz verwandelt sich dann von einem Verbot in eine Neuausrichtung.
Da gibt es andere, die besser diesen konsequenten Weg durchgehen. Jeder geht anders mit sich um. Manche Menschen brauchen vielleicht einen strikten Plan, feste Vorsätze mit messbaren Zielen. Ich störe mich da aber häufig am Textinhalt, was man alles noch mitgeliefert bekommt, aber nicht braucht. Diese ganzen Ratgeber, die einem nicht nur sagen, was man tun soll, sondern auch gleich noch eine ganze Weltanschauung mitverkaufen wollen, als ob die Methode nur funktionieren könnte, wenn man auch die Philosophie dahinter schluckt. Als ob Neujahrsvorsätze nur dann funktionieren, wenn man sich einem System unterwirft.
Auch da greift mein Weg: für den einzelnen kann es das Richtige sein, ich für mich selbst kann mich aber nicht festlegen und bleibe somit fluide. Aber nicht beliebig. Je nach Fragestellung habe ich meine konkreten Ansichten. Es ist ein Unterschied, ob man keine Position hat oder ob man sich bewusst die Freiheit nimmt, je nach Kontext unterschiedlich zu sein. Diese Fluidität wird oft mit Beliebigkeit verwechselt, dabei ist sie das Gegenteil: Es ist die aktive Entscheidung, sich nicht in Kategorien pressen zu lassen, die für andere gemacht wurden. Vorsätze müssen nicht starr sein, um ernst gemeint zu sein.
Vielleicht lese ich nächstes Jahr mehr, wenn ich Lust darauf habe, mal sehen. Vielleicht setze ich mich mit gewissen Themen mehr auseinander, vielleicht reicht mir aber auch mein Halbwissen. Ich glaube, der Trick ist, ich weiß, wovon ich Ahnung habe, meistens zumindest. Bei den anderen Themen schweige ich, aber belasse diesen Zustand auch, nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Pragmatismus, eben weil ich meine Grenzen kenne. Es gibt eine gewisse Befreiung darin, zu akzeptieren, dass man nicht zu allem eine Meinung haben muss, dass Halbwissen in manchen Bereichen völlig ausreicht und dass die eigene Energie begrenzt ist. Auch das ist ein Anti-Vorsatz: sich nicht vorzunehmen, mehr zu wissen, sondern anzuerkennen, was man nicht wissen muss.
Ich tanze auf der Grenze der Bedeutung. Manchmal ist es ein Tanz auf dem Vulkan, manchmal auf einer Blumenwiese, manchmal wechselt es auch mit jedem Schritt, ohne dass ich am Zustand etwas ändern möchte. Diese Metapher beschreibt vielleicht am besten, wie es sich anfühlt, wenn man aufhört, Stabilität mit Starrheit zu verwechseln. Der Boden unter den Füßen darf sich verändern, die Gefahr und die Schönheit können nebeneinander existieren, und das ist in Ordnung. Vorsätze, die diesen Tanz nicht zulassen, die von einem verlangen, auf einem bestimmten Untergrund stehen zu bleiben, werden scheitern.
Warum verstehen Menschen die Zukunft nicht? Weil Menschen unterschiedlich sind in dem, was sie als Zukunft und was als Unart sehen. Logik und Wahrheit sind da nicht immer dabei. Wir projizieren unsere eigenen Ängste, Hoffnungen und Erfahrungen auf das, was kommen wird, und nennen das dann Vision. Aber vielleicht ist die ehrlichste Art, mit der Zukunft umzugehen, anzuerkennen, dass wir sie nicht verstehen können, dass wir nur im Jetzt handeln können, mit dem Wissen, das wir haben, und der Bereitschaft, uns anzupassen, wenn sich die Umstände ändern. Neujahrsvorsätze sind dann keine Verträge mit der Zukunft, sondern höchstens Absichtserklärungen ans Jetzt, die wir jederzeit neu verhandeln dürfen.
Was ich mit Sicherheit weiß: Ich überfordere mich selbst mit der Vielzahl der Beiträge, die ich schreibe, den Gedanken, die ich festhalten will, den Impulsen, denen ich nachgehe. Das ist etwas, das sich in 2026 sicher nicht ändern wird. Ich werde weiter neugierig bleiben, weiter zu viel wollen, weiter an zu vielen Strängen gleichzeitig ziehen. Und auch wenn mir die emotionale Intelligenz eigentlich wohlvertraut ist, bleibt sie doch ausbaufähig. Vielleicht ist das der einzige ehrliche Vorsatz, den man machen kann: nicht aufzuhören, sondern weiterzumachen, mit all den Widersprüchen, mit all der Unvollkommenheit, mit all dem Wissen, dass man sich selbst nie ganz gerecht werden wird. Und trotzdem zu tanzen, auf welchem Untergrund auch immer.
Geschrieben am 1. Januar 2026 um 13:15 Uhr. © 2026 Whisper7. Alle Rechte vorbehalten.

