Fehlerfreiheit als Systemprinzip
In einem System, in dem aus egomanischen Gründen keine Fehler passieren dürfen, verändert sich alles – nicht nur die Ergebnisse, sondern auch die Menschen darin.
Nach außen entsteht der Eindruck von Kontrolle. Entscheidungen werden so gerahmt, dass sie im Nachhinein als „richtig“ gelten können. Fehler werden umbenannt, verschoben oder anderen zugeordnet. Berichte werden geglättet, Zahlen passend gemacht, Probleme in Nebensätze verpackt. Der Maßstab ist nicht mehr: „Was stimmt?“, sondern: „Was lässt den Verantwortlichen gut aussehen?“
Innen entsteht eine Atmosphäre von Vorsicht. Wer spürt, dass Fehler nicht vorkommen dürfen, vermeidet Risiken. Es wird weniger ausprobiert, weniger offen gesprochen, weniger früh gewarnt. Statt zu fragen „Was könnte schiefgehen und was lernen wir daraus?“, fragt man sich: „Wie vermeide ich, dass mir etwas zugerechnet wird?“ Entscheidungen werden defensiv getroffen, oft gar nicht getroffen oder nach oben delegiert.
Mit der Zeit verschiebt sich die Wahrnehmung. Nicht mehr die Realität ist der Bezugspunkt, sondern die Erzählung über die Realität. Widersprüche werden nicht genutzt, um genauer hinzuschauen, sondern als Bedrohung der Fassade erlebt. Wer auf Probleme hinweist, gilt schnell als schwierig, illoyal oder zu kritisch. Also schweigen die einen, passen sich die anderen an, und ein kleiner Kreis definiert, was als Wahrheit gilt.
Für den, der egomanisch auf Fehlerfreiheit besteht, hat das kurzfristige Vorteile. Er bleibt unangreifbar, kann sich als souverän und unfehlbar inszenieren. Langfristig zahlt er einen Preis: Er bekommt kaum noch unverfälschte Rückmeldungen. Menschen sagen ihm, was er hören will, oder gar nichts mehr. Sein Bild von sich und der Situation wird immer weniger mit dem deckungsgleich, was tatsächlich passiert.
Das System als Ganzes wird starrer. Innovation nimmt ab, Lernprozesse versanden, weil niemand offen sagen darf: „Das hat nicht funktioniert.“ Fehler passieren weiter – sie werden nur später entdeckt, teurer und schwerer korrigierbar. Nach außen bleibt die Oberfläche glatt, darunter sammelt sich Druck. Und je länger das so läuft, desto gefährlicher wird jede kleine Abweichung, weil sie nicht nur ein Problem zeigt, sondern die gesamte Fiktion der Fehlerlosigkeit bedroht.
Am Ende steht ein System, das sehr damit beschäftigt ist, sich selbst zu schützen, und wenig damit, seine Aufgabe gut zu erfüllen. Alle wissen, dass Fehler passieren. Aber keiner darf derjenige sein, bei dem sie sichtbar werden.
Praktisch wird es genau in dem Moment, in dem beim Lesen ein konkretes Gesicht vor Augen steht.

