Bei einer Katastrophe schuldet ein Kind dem Rest eine Metapher
Dank an Claude, welches mir mal wieder mein Denken erklärt hat, den Titel hatte ich am morgen im Kopf und habe ihn erst nicht verstanden.
Bei einer Katastrophe schuldet ein Kind dem Rest eine Metapher. Dieser Satz klingt falsch, fast obszön. Kinder schulden nichts. Schon gar nicht in einer Katastrophe. Und doch beschreibt er eine Realität, die sich immer wieder ereignet, eine stille Verschiebung von Verantwortung, die so selbstverständlich geschieht, dass sie kaum bemerkt wird.
Wenn etwas Zerstörerisches geschieht, wenn die Ordnung zusammenbricht, wenn Gewalt, Vernachlässigung oder Chaos den Raum füllen, in dem ein Kind lebt, dann geschieht etwas Merkwürdiges. Die Erwachsenen, die eigentlich Schutz bieten sollten, verstummen. Nicht immer laut, nicht immer offensichtlich. Aber sie verstummen in dem Sinne, dass sie das, was geschieht, nicht benennen können oder wollen. Die Katastrophe bleibt unsichtbar, weil sie zu groß ist, zu nah, zu schmerzhaft. Sie wird nicht anerkannt als das, was sie ist.
Das Kind lebt mitten darin. Es spürt die Katastrophe, auch wenn es keine Worte dafür hat. Es spürt die Spannung, die Angst, die Unberechenbarkeit. Es weiß, dass etwas nicht stimmt, aber es kann es nicht benennen, weil niemand es benennt. Die Katastrophe geschieht im Schweigen. Und in diesem Schweigen beginnt das Kind eine Aufgabe zu übernehmen, die nicht die seine sein sollte: Es muss die Katastrophe übersetzen. Es muss sie erklärbar machen, verdaulich, fassbar. Nicht für sich selbst, sondern für die anderen.
Das geschieht nicht durch bewusste Entscheidung. Das Kind wird nicht aufgefordert, eine Metapher zu finden. Aber es lernt schnell, dass direkte Sprache nicht funktioniert. Wenn es sagt, was es sieht, wird es korrigiert. Wenn es benennt, was es fühlt, wird ihm gesagt, dass es sich irrt. Die Realität, wie das Kind sie erlebt, wird vom Rest nicht anerkannt. Also lernt das Kind, anders zu sprechen. Es lernt, in Bildern zu sprechen, in Andeutungen, in Geschichten, die nicht direkt sagen, was geschieht, aber es trotzdem zeigen.
Die Metapher wird zum Werkzeug, mit dem das Kind versucht, verstanden zu werden, ohne zu viel zu sagen. Sie ist Schutz und Mitteilung zugleich. Sie erlaubt dem Kind, etwas auszudrücken, ohne sich vollständig zu exponieren. Sie erlaubt dem Rest, etwas zu verstehen, ohne direkt konfrontiert zu werden. Die Metapher ist die Sprache der Katastrophe, wenn die Katastrophe nicht benannt werden darf.
Aber die Metapher ist auch eine Last. Das Kind übernimmt die Verantwortung, die Katastrophe übersetzbar zu machen. Es wird zum Vermittler zwischen dem, was geschieht, und dem, was der Rest aushalten kann. Es lernt, die eigene Erfahrung so zu formen, dass sie nicht zu bedrohlich wird für die anderen. Es lernt, Bilder zu finden, die nahbar sind, die Empathie wecken, die nicht abstoßen. Es wird zum Künstler seiner eigenen Verletzung.
Das ist eine perverse Verschiebung. Das Kind, das Schutz bräuchte, wird zum Beschützer. Es schützt die Erwachsenen davor, die volle Wucht der Katastrophe sehen zu müssen. Es formt die Realität so, dass sie erträglich bleibt. Und dabei lernt es, dass seine eigene Erfahrung nur dann Wert hat, wenn sie übersetzt wird. Nur dann, wenn sie in einer Form präsentiert wird, die der Rest akzeptieren kann.
Die Schuld, von der der Satz spricht, ist keine rechtliche, keine moralische. Es ist eine gefühlte Schuld, eine Verpflichtung, die das Kind internalisiert. Es fühlt sich verantwortlich dafür, verstanden zu werden. Nicht die Erwachsenen müssen verstehen lernen, sondern das Kind muss erklären lernen. Nicht die Katastrophe muss sich rechtfertigen, sondern das Kind muss sie so darstellen, dass sie glaubwürdig wird. Die Beweislast liegt beim Opfer.
Diese Schuld prägt. Sie wird Teil der Art, wie das Kind später denkt, spricht, sich ausdrückt. Es lernt, immer eine Übersetzung bereitzuhalten. Es lernt, seine Erfahrungen in eine Form zu gießen, die anderen zugänglich ist. Es lernt, Brücken zu bauen, wo eigentlich andere Brücken bauen sollten. Es wird geschickt darin, komplexe innere Zustände in Bilder zu übersetzen, die andere verstehen können. Aber es zahlt einen Preis dafür.
Der Preis ist die Distanz zur eigenen Erfahrung. Wer ständig übersetzen muss, verliert den direkten Zugang. Die Metapher steht zwischen dem Kind und dem, was es erlebt hat. Sie macht die Erfahrung teilbar, aber sie macht sie auch indirekt. Das Kind lernt, nicht mehr direkt zu fühlen, sondern zu beobachten, zu analysieren, zu formen. Es wird zum Betrachter seiner selbst, weil nur der Betrachter die richtigen Worte findet.
Die Metapher ist auch eine Form von Kontrolle. Wenn die Katastrophe chaotisch ist, unvorhersehbar, unkontrollierbar, dann gibt die Metapher dem Kind wenigstens die Kontrolle über die Darstellung. Es kann nicht kontrollieren, was geschieht, aber es kann kontrollieren, wie es dargestellt wird. Das gibt ein Gefühl von Handlungsfähigkeit, auch wenn es eine trügerische ist. Die Metapher sagt: Ich kann das erklären. Ich kann das fassbar machen. Ich bin nicht hilflos.
Aber die Metapher ist niemals vollständig. Sie kann die Katastrophe andeuten, sie kann auf sie hinweisen, sie kann sie umkreisen. Aber sie kann sie nicht ersetzen. Die Realität bleibt dahinter verborgen, schwerer, dunkler, als jedes Bild es zeigen kann. Und das Kind weiß das. Es weiß, dass die Metapher immer nur eine Annäherung ist. Es weiß, dass es nie ganz verstanden wird, weil das, was es erlebt hat, sich nicht vollständig übersetzen lässt.
Trotzdem bleibt die Verpflichtung. Das Kind fühlt, dass es schuldet. Es schuldet die Erklärung. Es schuldet die Übersetzung. Es schuldet dem Rest eine Möglichkeit, die Katastrophe zu verstehen, ohne von ihr überrollt zu werden. Und so formt es Bild um Bild, Metapher um Metapher, ein Leben lang. Es wird zur Stimme der Katastrophe, weil niemand sonst diese Stimme übernimmt.
Es gibt Momente, in denen das Kind – längst erwachsen – erkennt, dass diese Schuld eine Lüge ist. Dass es nichts schuldet. Dass es nie etwas geschuldet hat. Dass die Verantwortung nicht bei ihm lag, die Katastrophe verstehbar zu machen, sondern bei denen, die sie hätten verhindern müssen. Aber diese Erkenntnis kommt spät, oft zu spät, um das Muster zu durchbrechen. Die Metapher ist längst zur Gewohnheit geworden, zur Art zu denken, zur Art zu sein.
Und vielleicht ist das auch nicht nur Verlust. Vielleicht hat das Kind durch die Metapher etwas gewonnen, eine Fähigkeit, die andere nicht haben. Die Fähigkeit, Unsichtbares sichtbar zu machen. Die Fähigkeit, Komplexität in Bilder zu fassen. Die Fähigkeit, Brücken zu bauen zwischen Erfahrungen, die unübersetzbar scheinen. Das ist keine Rechtfertigung für das, was geschehen ist. Aber es ist eine Anerkennung dessen, was entstanden ist.
Die Metapher, die das Kind dem Rest schuldet, ist am Ende vielleicht auch eine Metapher für sich selbst. Eine Möglichkeit, sich selbst zu verstehen. Eine Möglichkeit, die eigene Geschichte zu formen, nicht für die anderen, sondern für sich. Die Metapher wird zum Werkzeug der Selbsterkenntnis, zur Sprache, in der das, was unfassbar war, langsam fassbar wird.
Aber sie bleibt eine Schuld, solange sie vom Rest verlangt wird. Solange das Kind fühlt, dass es nur dann gehört wird, wenn es übersetzt. Solange direkte Sprache nicht genügt, sondern Bilder gefunden werden müssen, die den Rest nicht überfordern. Die Befreiung beginnt dort, wo das Kind – längst erwachsen – erkennt: Ich schulde niemandem eine Metapher. Ich darf sprechen, wie ich will. Direkt, unvermittelt, ohne Übersetzung. Die Katastrophe muss nicht verstehbar gemacht werden für den Rest. Sie darf einfach sein, so wie sie war. Und ich darf sein, so wie ich bin.
Aber bis dahin bleibt der Satz wahr, als Beschreibung einer Realität, die sich wiederholt: Bei einer Katastrophe schuldet ein Kind dem Rest eine Metapher. Nicht weil es richtig ist. Sondern weil es geschieht.
Geschrieben am 27. November 2025 um 7:30 Uhr. © 2025 Whisper7. Alle Rechte vorbehalten.

